Zeitrechnung
Ära · Größe: keine Dauer, sondern ein Ursprung
Am 19. Dezember 7208 unterzeichnete Peter I. einen Erlass: nach dem 31. Dezember sollte nicht der 1. Januar 7209 kommen, sondern der 1. Januar 1700. Das Jahr selbst blieb dabei genau dasselbe — 365 Tage und vier Jahreszeiten. Geändert wurde nur die Zahl. 5508 Jahre wurden auf einen Schlag aus der Zählung gestrichen, und die ganze russische Geschichte zog in eine neue Numerierung um.
Das ist das Wesen einer Ära. Die Zeiteinheit ist bei allen Völkern dieselbe — ein Umlauf der Erde um die Sonne. Der Unterschied liegt allein darin, von welchem Ereignis an gezählt wird. Deshalb trägt ein und derselbe Tag heute die Nummer 2026, 7534, 1448 und 2779 — und alle vier Zahlen sind richtig.
Das Jahr hat eine Länge, die man messen kann. Die Ära hat nichts Messbares: ihr Anfang wird festgesetzt. Darum lässt sich eine Ära nicht mit einem Gerät prüfen — nur mit fremden Aufzeichnungen über denselben Tag vergleichen.
01 · Definition
Eine Ära ist das Ereignis, von dem an die Jahre gezählt werden, und die Regel, wie zu zählen ist. Alles Übrige im Kalender betrifft schon die Länge von Jahr und Monaten. Die Ära beantwortet nur eine Frage: wo die Null liegt.
Ereignisse, die als Null taugen, gibt es in vier Arten. Der Anfang der Welt — so rechnete man in Byzanz, bei den Juden, in Indien. Geburt oder Auszug eines Stifters — unsere Zeitrechnung, die Hidschra, die Ära Buddhas. Der Beginn einer Herrschaft — die römischen Konsuln, die japanischen Nengō, die Meiji-Ära. Und ein beliebiger Punkt der Bequemlichkeit halber — die Julianische Periode der Astronomen.
Alles Weitere beruht auf einem einzigen Kunstgriff. Um zwei Ären zu verbinden, legt man einen gemeinsamen Tag dazwischen — einen Moment, der in beiden Systemen beschrieben ist. Die Astronomen haben das ein für alle Mal getan: sie führen eine ununterbrochene Zählung der Tage seit dem 1. Januar 4713 v. Chr., das Julianische Datum. Jede Ära wird darin ausgedrückt, und danach reden die Kalender miteinander.
Die Tafel rechts zeigt das Wesentliche: eine Zeitachse, zehn verschiedene Nullpunkte. Der Schieber wählt einen Tag, die Balken zeigen, wie viele Jahre jede Ära bis dahin gezählt hat.
Der Schieber wählt ein und denselben Tag der Geschichte. Der senkrechte Strich ist dieser Tag. Die Balken wachsen von ihm nach links: jeder beginnt bei seiner eigenen Null, und die Länge des Balkens ist die Jahreszahl in jener Ära.
Peters Erlass tat zweierlei auf einmal: er verlegte den Jahresbeginn vom 1. September auf den 1. Januar und wechselte die Ära. Der Kalender blieb julianisch — auf den neuen Stil ging Russland erst 1918 über. Darum tragen russische Daten des 18. und 19. Jahrhunderts zwei verschiedene Fallen, und man verwechselt sie bis heute.
02 · Umrechnung
Jahr eingeben — das Datenblatt rechnet um
Grundlage ist das Jahr unserer Zeitrechnung. Eine negative Zahl meint ein Jahr davor in der astronomischen Zählung, die ein Jahr null kennt: astronomisch −44 ist 45 v. Chr. Historiker haben keine Null, und daher stammt der häufigste Fehler um genau ein Jahr.
Mondären werden nur näherungsweise gerechnet. Das Jahr der Hidschra ist elf Tage kürzer als das Sonnenjahr, darum hängt die genaue Zahl vom Monat ab. Dreiunddreißig Hidschra-Jahre sind etwa zweiunddreißig Sonnenjahre, und der Abstand wächst stetig.
Keine Ära begann am 1. Januar. Das byzantinische Jahr öffnete am 1. September, das jüdische im Herbst zu Rosch ha-Schana, das iranische zur Frühlings-Tagundnachtgleiche. Deshalb ist die Verschiebung zwischen zwei Ären keine einzige Zahl: einen Teil des Jahres gilt die eine, den Rest die andere.
| Anmerkung | |||
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03 · Größenordnungen
die Tiefe einer Ära — von einer Regierung bis zum Kalpa04 · Messgeräte
Womit man eine Ära an die Zeitachse heftet
Finsternisse lassen sich mit der Mechanik Jahrtausende vor und zurück rechnen. Steht in einer Chronik, die Sonne sei in dem und dem Regierungsjahr verdunkelt gewesen, so ist der Tag genau festgelegt — und mit ihm die ganze Regierung.
Eine Liste der Herrscher von Nabonassar bis zu den römischen Kaisern, mit der Länge jeder Regierung in Jahren. Ptolemäus stellte sie auf, damit seine eigenen Beobachtungen datierbar wären. Nach dieser Liste werden babylonische, persische und griechische Aufzeichnungen bis heute zusammengenäht.
Ein einziger Satz wie „im dritten Jahr des Kyros, als in Athen der und der Archon war“ näht zwei unabhängige Zählungen zusammen. Solche Bemerkungen bei antiken Autoren sind mehr wert als jede chronologische Abhandlung.
Für Zeiten ohne Aufzeichnungen und ohne Finsternisse arbeitet die Physik: der Zerfall des Kohlenstoffs-14 in einer Probe, dazu die Eichung an Jahresringen, die einzeln gezählt werden. Die Ringe geben ein genaues Jahr, der Radiokohlenstoff eine Spanne — zusammen ergeben sie ein Datum.
05 · Schreibregeln
Nennen Sie die Ära, wenn es nicht die unsere ist
Ein Jahr unserer Zeitrechnung schreibt man ohne Zusatz, ein Jahr davor mit einer Abkürzung. Bei uns stehen beide Vermerke nach der Zahl: 44 v. Chr., 525 n. Chr. In neutralen Texten schreibt man v. u. Z. und u. Z., „vor unserer Zeitrechnung“ — eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen. Das Englische verfährt anders: dort steht AD vor der Zahl und BC dahinter.
Für russische Daten gilt eine eigene Regel. Bis Februar 1918 galt in Russland der julianische Kalender, deshalb tragen Ereignisse des 18. und 19. Jahrhunderts zwei Daten: alten und neuen Stils. Üblich ist, beide zu schreiben, das zweite in Klammern. Bei uns war es noch verwickelter: die katholischen Länder stellten 1582 um, die protestantischen deutschen Territorien erst 1700. Über hundert Jahre lang galten im selben Land zwei Tageszählungen, und ein Kaufmann musste in den Brief beide Daten setzen.
06 · Benachbarte Einheiten
Die Ära steht neben Jahr und Jahrhundert, ist aber für anderes zuständig. Das Jahr sagt „wie viel“, das Jahrhundert „wie viele runde Hunderte“, die Ära „ab wo gezählt“. Die ersten beiden sind Längen, die dritte ist ein Punkt.
eine Länge, gemessen
eine Null, festgesetzt
ein Hundert, gezählt
Eine Verschiebung wirkt nur bei Sonnenären. Mondären zählen in einer anderen Einheit: 33 Hidschra-Jahre sind etwa 32 Sonnenjahre, daher rechnet sie keine einzelne Konstante um — dafür braucht es eine ganze Formel.
07 · Historischer Teil
Wer wann die Null verschob
Der Mönch Dionysius Exiguus stellte Ostertafeln auf und wollte die Zählung nicht länger von Diokletian aus führen, dem Kaiser, der Christen hatte hinrichten lassen. Er berechnete das Jahr der Geburt Christi und begann von dort. Er irrte sich um vier bis sechs Jahre — doch die Zählung setzte sich durch und wurde die der ganzen Welt.
Die Zählung ab der Hidschra wurde siebzehn Jahre nach dem Ereignis selbst eingeführt, unter dem Kalifen Umar. Als Null nahm man weder Geburt noch Tod Mohammeds, sondern den Auszug der Gemeinde nach Medina: nicht einen Menschen, sondern den Anfang einer Gemeinschaft. Das Jahr ist ein Mondjahr von 354 Tagen und wandert deshalb durch die Jahreszeiten.
Die Rus zählte die Jahre nach der byzantinischen Ära seit Erschaffung der Welt. Peter stellte das Land auf die Zählung ab Christi Geburt um und verlegte den Jahresbeginn vom September auf den Januar. Die Kirchenbücher führten die alte Zählung ohne Unterbrechung weiter, weshalb beide Zahlen bis heute nebeneinander zu sehen sind.
Die Revolution setzte die Abschaffung der Monarchie als Null und schrieb alles um: zwölf Monate zu dreißig Tagen, Dekaden statt Wochen, neue Monatsnamen. Es hielt dreizehn Jahre. Die Ära fiel nicht, weil die Arithmetik versagte, sondern weil die Woche sich als stärker erwies als der Erlass.
Woher die 7534 wirklich kommt
Die Zahl aus dem „slawischen Kalender“ ist keine Erfindung. Es ist die echte Jahreszahl der byzantinischen Ära: 2026 plus 5508. Genau so zählte man in der Rus vor Peter, und die Kirchenbücher zählen bis heute so.
Umstritten ist nicht die Ziffer, sondern die Geschichte, die man ihr Ende des 20. Jahrhunderts angehängt hat: die Null der Ära sei das Datum irgendeiner Schlacht, die „Erschaffung der Welt im Sternentempel“. Byzanz errechnete dieses Datum im 6. Jahrhundert aus der Bibel, und von einer Schlacht steht in den Quellen nichts.
Interessant ist daran vom Standpunkt der Metrologie folgendes. Eine Ära lässt sich weder bestätigen noch widerlegen durch Messung — sie hat kein Normal. Prüfen lässt sich nur die Widerspruchsfreiheit: ob sie mit anderen Zählungen an einem gemeinsamen Tag zusammenpasst. Das ist die einzige Größe auf diesen Seiten, bei der die Frage „stimmt das?“ überhaupt keinen Sinn ergibt.
Katalog · Maßeinheiten
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