p·min
Ein kurzer Clip wurde an einem Tag eine Million Mal angesehen, ein zwölfminütiges Videotutorial dagegen nur fünfzigtausend Mal. Welches hat den Menschen mehr Zeit abgenommen? Es scheint der Clip: Er hat zwanzigmal so viele Aufrufe. Doch ein Drittel der Zuschauer wischt den Clip binnen weniger Sekunden weg, im Schnitt verbringt man acht Sekunden damit, während viele das Tutorial fast bis zum Ende ansehen. Addiert man die Minuten aller Zuschauer, liegt das Tutorial doppelt so weit vorn. Genau diese Summe misst die Aufmerksamkeitsminute.
Eine Personenminute der Aufmerksamkeit ist eine Minute, die ein Mensch tatsächlich mit einem Clip, einem Artikel oder einer Website verbracht hat. Zwanzig Personen mit je drei Minuten ergeben sechzig Personenminuten, und genauso viel liefert ein einziger Mensch, der eine ganze Stunde gelesen hat. Der Aufrufzähler beantwortet die Frage, wie oft die Seite geöffnet wurde, die Aufmerksamkeitsminuten dagegen zeigen, wie viel Zeit die Menschen ihr geschenkt haben. Man zählt sie pro Stunde, pro Tag, pro Monat oder pro Jahr, und der Zeitraum steht immer neben der Zahl, so wie bei einer Geschwindigkeit „pro Stunde" steht.
Etymologie
In sich nehmen, die Sehne spannen und einen kleinen Teil abschneiden
Im Namen der Einheit treffen drei Wörter zusammen, und jedes hat seine eigene lange Geschichte. Das russische „vnimanie" und das lateinische attention beschreiben denselben Vorgang mit verschiedenen Bildern: Das eine sagt, dass man einen Gedanken in sich hineinnimmt, das andere, dass man sich ihm entgegenstreckt wie eine gespannte Sehne. Und die „Minute" geht auf das babylonische Zählen in Sechzigern zurück, nach dem später auch der Grad und die Stunde in sechzig Teile geteilt wurden.
Aufmerksamkeit und Gedächtnis
Wie viele Minuten es braucht, um sich etwas zu merken
Denken Sie an einen Clip, den Sie gestern in ein paar Sekunden weggewischt haben. Höchstwahrscheinlich können Sie kein Wort daraus wiedergeben. Das ist keine Zerstreutheit, so ist das Gedächtnis eben gebaut. Alles Gesehene landet zuerst in einem Kurzzeitspeicher, der den Eindruck nur wenige Sekunden hält, und nur ein kleiner Teil gelangt weiter ins Langzeitgedächtnis.
Psychologen erforschen diesen Weg seit mehr als hundert Jahren, und ihre Ergebnisse stimmen überein. Nach einer Sekunde bleibt nur ein flüchtiger Abdruck des Bildes. Ohne Wiederholung ist fast alles nach einer halben Minute vergessen. Was aber einige Minuten lang gelernt und dann mit Pausen wiederholt wurde, hält wochenlang. Also ist nicht jede Aufmerksamkeitsminute gleich viel wert: Zehnmal wegwischen à sechs Sekunden ergibt dieselbe Personenminute wie eine Minute konzentrierten Lesens, hinterlässt im Gedächtnis aber weit weniger.
01 · Definition
Die Fläche unter der Zuschauerkurve
Stellen Sie sich jeden Zuschauer als Streifen vor, dessen Länge der auf der Seite verbrachten Zeit entspricht. Die Aufmerksamkeitsminute ist die Summe der Längen aller Streifen. Ordnet man sie der Größe nach, entsteht die Kurve, die Analysten Retentionskurve nennen: Am Anfang sehen alle zu, dann gehen die Zuschauer einer nach dem anderen. Die Fläche unter dieser Kurve ist die Zahl der Personenminuten.
Dieselbe Fläche lässt sich zu einem Rechteck legen. Seine Höhe ist die Zahl der Besucher, seine Breite die durchschnittliche Zeit pro Person. Deshalb zählt man Aufmerksamkeitsminuten meist durch einfaches Multiplizieren, und die Kurve braucht man, um zu verstehen, wo genau die Leute gehen.
Vergleichen, den Zähler prüfen, den Tag durchgehen
Wählen Sie im Versuch „Vergleich" zwei Inhaltsarten und legen Sie fest, wie viele Personen sie geöffnet haben: Die Bildschirmwand zeigt, wie die Zuschauer gehen, und die Messbecher, wessen Aufmerksamkeitsfläche größer ist. Schalten Sie im Versuch „Zähler" vergessene Tabs und Bots ein und sehen Sie, wie viele überschüssige Minuten jede Messmethode zählt. Und wählen Sie im Versuch „Tag", wo Ihre Leser leben, und erfahren Sie, zu welcher Serverstunde der Höhepunkt kommt und wie viele Personenminuten sich pro Tag, Monat und Jahr ansammeln.
02 · Umrechnung
Besucher und Minuten — in Stunden, Jahren und Leben
Tragen Sie ein, wie viele Personen gekommen sind und wie viele Minuten ein Besuch im Schnitt dauert, und wählen Sie dann den Zeitraum, für den diese Zahlen erhoben wurden. Darunter erscheint, wie viele Personenminuten und Personenstunden das sind, wie viele Jahre im Leben eines Menschen und welchen Anteil der Wachzeit der gesamten Menschheit im selben Zeitraum Ihr Inhalt beansprucht hat.
Dieselbe Zählung in den Worten des Fernsehens
Das Fernsehen zählt Aufmerksamkeit schon lange, nennt sie nur anders. Die Reichweite besagt, wie viele verschiedene Menschen die Sendung mindestens einmal eingeschaltet haben, ATS, wie lange jeder von ihnen im Schnitt zugesehen hat, und ATV, wie viele Minuten auf jeden Einwohner entfallen, auch auf diejenigen, die gar nicht zugesehen haben. Tragen Sie diese Zahlen ein, und sie werden zu Personenminuten und zur durchschnittlichen Einschaltquote.
Die durchschnittliche Einschaltquote einer Sendung ist ATV geteilt durch ihre Länge: der Bevölkerungsanteil, der sie von Anfang bis Ende gesehen hätte, wenn man alle Aufmerksamkeit auf dieselben Menschen konzentrierte. Auch die Quote misst also Aufmerksamkeitsminuten, nur in Prozent.
03 · Größenordnungen
04 · So wird gemessen
Acht Zähler, acht Regeln
Aufmerksamkeitszeit zählen heute Fernsehgeräte, Website-Zähler und Videoplattformen gleichermaßen. Alle addieren Minuten, entscheiden aber unterschiedlich, wann jemand aufgehört hat zuzusehen. Der eine Zähler wartet auf eine Berührung oder ein Scrollen, der andere begnügt sich damit, dass der Tab offen ist, der dritte bittet den Zuschauer, auf der Fernbedienung eine Taste zu drücken, und der vierte misst überhaupt nichts, sondern berechnet die Zeit im Voraus aus der Textlänge. Deshalb bekommt dieselbe Seite in verschiedenen Systemen verschiedene Zeiten, und ihre Zahlen lassen sich nicht direkt vergleichen.
Woher die Lesezeit kommt
Über vielen Artikeln steht die Angabe „≈ 12 min Lesezeit". Diese Zahl hat niemand gestoppt: Sie wird im Voraus berechnet, noch vor dem ersten Leser. Die Wortzahl wird durch eine durchschnittliche Lesegeschwindigkeit geteilt, und für jedes Bild kommen einige Sekunden dazu. Stellen Sie Textlänge und Tempo ein, dann sehen Sie, wie die Angabe zustande kommt und wie viel Zeit man auf einer solchen Seite tatsächlich verbringt.
Die Geschwindigkeiten stammen aus dem Überblick von Marc Brysbaert aus dem Jahr 2019, der fast zweihundert Studien zusammenführte: Erwachsene lesen einen populärwissenschaftlichen englischen Text still mit etwa 238 Wörtern pro Minute, einen literarischen mit etwa 260. Bilder werden nach der Medium-Regel gezählt: zwölf Sekunden für das erste, für jedes weitere eine Sekunde weniger und ab dem zehnten je drei Sekunden. In Sprachen mit längeren Wörtern oder Schriftzeichen zählt man die Zeit nach Zeichen, nicht nach Wörtern.
05 · Schreibregeln
06 · Benachbarte Einheiten
07 · Historischer Teil
Personenminuten wurden nicht für Bildschirme erfunden, sondern für Fabriken. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts notierten Ingenieure mit der Stoppuhr in der Hand, wie viele Minuten ein Arbeiter für jeden Arbeitsgang brauchte, und addierten sie zu Personenstunden. So maß man die Arbeit, die ein Mensch einer Sache gibt. Ein halbes Jahrhundert später bemerkte der Ökonom Herbert Simon, dass ein Überfluss an Information einen Mangel an dem erzeugt, was sie verbraucht, nämlich an der Aufmerksamkeit der Menschen.
Das Fernsehen begann als Erstes, Aufmerksamkeit mit einem Gerät zu messen: Ein People Meter steht am Fernseher, und jedes Familienmitglied drückt seine eigene Taste auf der Fernbedienung, wenn es sich zum Zuschauen hinsetzt. Websites lernten, die Zeit selbst zu zählen, anhand von Scrollen und Berührungen, und Videoplattformen hörten in den 2010er-Jahren auf, Clips allein nach Klicks zu bewerten, und begannen, sie nach Wiedergabestunden zu bewerten. Die Aufmerksamkeitsminute verbindet diese Zählungen zu einer Einheit, denn in jeder wird dasselbe gemessen: die Zeit der Menschen.
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